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OSG
Wenn jeder Schritt schmerzt
Befund und Therapie bei Arthrosen des Sprunggelenks
17.07.2026 • 0 Kommentare

Dick wie eine Pampelmuse, warm und unbeweglich – eine aktivierte Sprunggelenksarthrose sieht nicht nur schmerzhaft aus, sie schränkt die Betroffenen (meist) auch erheblich ein. Die gute Nachricht zuerst: OSG-Arthrosen sind mit einer Prävalenz von 1 bis 6,5 Prozent relativ selten und das, obwohl das Sprunggelenk den größten Alltagsbelastungen ausgesetzt ist. Verantwortlich dafür ist die relativ ausgewogene Gelenkkongruenz, dünnerer, steiferer und „feuchterer“ Gelenkknorpel und ein anabolereres Milieu als in anderen gewichtstragenden Gelenken. Vier von fünf OSG-Arthrosen resultieren aus einer traumatischen Genese wie Frakturen oder Bandinstabilitäten, die zu einer Veränderung der Gelenkkongruenz führen. Wer zum Verletzungszeitpunkt raucht, übergewichtig oder älter als 30 Jahre ist, erhöht das Arthroserisiko.

So sehr eine Sprunggelenksarthrose die Betroffenen in ihrer Aktivitäts- und Partizipationsfähigkeit auch einschränken mag – wissenschaftliche Standards zur Therapie fehlen. Dennoch existieren einige grundsätzliche Therapieempfehlungen, mit dem primären Ziel die „aktivierte“ (also schmerzhafte) Arthrose in eine „ruhende“ Arthrose zu überführen.

Entlastung
Nicht nur beim Sprunggelenk besteht das Arthrosemanagement aus einem biopsychosozialen Belastungsmanagement. Die Prämisse ist einfach, wird im individuellen Coaching aber komplex: Bewegung ist förderlich, aber eine Überlastung kann die Beschwerden verstärken. Wo ist die gesunde Mitte?

Lastreduktion bedeutet im Falle einer vorliegenden Adipositas vor allem erst einmal eine Reduktion überflüssiger Pfunde. Diese könnten nicht nur zu einer mechanischen Überbeanspruchung führen, sondern auch die Arthrose über entzündungsfördernde Botenstoffe aktivieren. Der Konjunktiv begründet sich mit der fehlenden Datenlage; Studien zur Effektivität von Gewichtsreduktion bei OSG-Arthrosen existieren nicht. Übergewicht erhöht das Risiko für Arthrosen generell um das 1,5-fache, allerdings existieren keine spezifischen Daten zum Sprunggelenk.

Neben der Gewichtsreduktion können auch Gehhilfen die Last auf das Sprunggelenk reduzieren (wem das zu „krank“ aussieht, kann sich auch ein paar Wander- oder Walkingstöcke kaufen). Liegt eine Instabilität des Talus vor, könnten Orthesen hier Entlastung schaffen.

Belastung
Häufig endet die Therapieplanung bei den genannten Entlastungsstrategien, was fatale Auswirkungen haben kann, denn ein Verlust von Aktivitäts- und Partizipationsfähigkeiten ist so unausweichlich. PatientInnen muss im Edukationsgespräch erklärt werden, dass reine Entlastung am Ende zu einem stärkeren Verlust der Belastbarkeit führen kann: Use it or lose it.

In erster Linie dreht sich die erste Therapiesitzung (wie immer) darum, eine individuelle Zielsetzung (SMART) mit den Betroffenen zu vereinbaren und diese mittels eines Graded-Activity-Ansatzes zu planen. Dabei gilt, dass der Schmerz während der Aktivität auf einer visuellen (oder narrativen) Analogskala von 0 bis 10 einen Wert von bis zu 3 einnehmen darf – Werte von 4 bis 5 sind in kurzen Spitzen erlaubt. Alles darüber führt entweder zu einem Abbruch der Aktivität oder benötigt den Einsatz von Coping-Strategien (Entlastungs- oder Überwindungsstrategien), also zum Beispiel Gehstöcken. Diese Regel gilt nicht nur während, sondern auch nach der Aktivität. Dazu gilt die 24-Stunden-Regel: Die Schmerzverstärkung sollte nach der Aktivität nicht länger als 24 Stunden anhalten (sogenanntes Flare-Up). Vermehrte Schwellung oder Wärme sollten bestenfalls gar nicht auftreten.

Ein Beispiel anhand der Zielsetzung „Zehn Kilometer gehen“:
Zunächst wird die aktuelle Belastungsgrenze erarbeitet. Der Schmerz beginnt nach einem Kilometer, nach drei Kilometern steigt er über die definierte „6 von 10“ an, was sich auch in einem beginnenden Hinkmechanismus zeigt. Ein fordernder Trainingsreiz liegt also in etwa bei 2,5 Kilometern (über den Daumen gepeilt 70 bis 80 Prozent der Belastungsgrenze. Hier fehlen Belastungsempfehlungen; therapeutisches Fingerspitzengefühl ist gefragt). Liegt kein Flare-Up vor, kann die Gehstrecke nun sukzessive gesteigert werden. Wie stark gilt es auszuprobieren, zehn Prozent der Strecke sind als Steigerung oft ausreichend. Dazu ist es häufig sinnvoll, einen Regenerationstag (wie beim Krafttraining) einzubauen.

Dieser Graded-Activity-Ansatz bildet natürlich nur den Rahmen der Therapie. Dazu muss ein individueller Befund Aufschluss darüber geben, an welchen Stellschrauben noch gedreht werden kann: Durch Inhibitionsmechanismen leiden Betroffene oft unter Schwächen der Fuß- und Wadenmuskulatur. Zur groben Orientierung kann hier der Heel-Rise-Test verwendet werden, der aus einem einbeinigen Wadenheben auf einem Zehn-Grad-Keil besteht. Bei jüngeren Erwachsenen gelten je nach Alter, Geschlecht und Seite etwa 24 bis 38 Wiederholungen als „normal“, also gesund, bei Erwachsenen über 60 etwa zehn bis 20 Wiederholungen.

Liegt eine Instabilität und/oder Gleichgewichtsstörungen vor, kann auch hier spezifisch an den Schwachstellen gearbeitet werden. Dazu können einfache Fußübungen (der gut erforschte „kurze Fuß“) oder auch komplexe Gleichgewichtsübungen dienen, die spezifische Alltagsanforderungen abbilden sollten (auf einer Wackelplatte jonglieren gehört also nicht dazu). Da auch die Hüftrotation maßgeblich mitbestimmt, was im Fuß passiert, sollte mindestens die Glutealmuskulatur, bestenfalls die komplette Beinmuskulatur mit in das Training einbezogen werden.

Unspezifische Effekte nutzen
Abseits der gelenkspezifischen Be- und Entlastung muss Arthrose als eine Art Stoffwechselerkrankung verstanden werden, die durch entzündungsfördernde Faktoren verschlechtert und durch entzündungslindernde Maßnahmen in Schach gehalten wird. Zu den häufigsten inflammationsfördernden Faktoren gehören:

  • • Übergewicht
    • Rauchen
    • Alkoholkonsum
    • Distress („negativer“ Stress, wie beispielsweise feindliches Arbeitsumfeld oder hoher Druck bei geringem Entscheidungsspielraum)
    • Mangelbewegung
Zu den inflammationshemmenden Faktoren gehört vor allem Bewegung! Die Datenlage spricht hier klar für jegliche Form aeroben oder anaeroben Trainings, wobei Dauer oder Intensität entscheidend sind. Einfach gesagt: Wer nicht ins Schwitzen kommt, treibt keinen Sport – der Spaziergang mit dem Hund reicht nicht (Quelle).

Die psychosozialen Faktoren
Wie jede Schmerzerkrankung benötigt auch die Sprunggelenksarthrose neben dem biologischen auch ein psychosoziales Management. Welche Glaubenssätze stehen hinter der Erkrankung? Hier ein paar Ideen zur kognitiven Umstrukturierung ungünstiger Glaubenssätze:

  • • Mein Gelenk ist kaputt und darf nicht belastet werden (Angst-Vermeidung).
      ⇒ Das Gelenk ist sensibler, kann aber durch das richtige Maß an Be- und Entlastung wieder stärker werden.

    • Ich brauche medizinische Hilfe, weil mein Fuß weh tut (fehlende Selbstwirksamkeit).
      ⇒ Nur ich kann meine Situation verbessern, dafür kann ich die Ratschläge von ExpertInnen nutzen.

    • Ich muss schmerfrei werden (Schmerzfokussierung).
      ⇒ Der Schmerz schränkt mich zwar aktuell in meinem Leben ein, aber mit Hilfe meiner TherapeutIn kann ich selbst Maßnahmen in die Wege leiten, damit mein Alltag nicht mehr von meinem Sprunggelenk bestimmt wird.

    • Nur wenn ich Bestleistungen erreiche, bin ich etwas wert (Selbstwert).
      ⇒Sport hilft mir beim Ausgleich. Anerkennung und Zuwendung erhalte ich durch mich als Person.
Frustrierend, aber nicht unmöglich
Vor allem für junge, aktive PatientInnen ist die Diagnose ein Debakel. Vor allem Impact-Sportarten mit Sprüngen und Landungen sind mit schmerzhafter Sprunggelenksarthrose nur sehr schwer zu managen. Operationen sind meist die Ultima Ratio, wobei aktuelle Empfehlungen gelenkerhaltene Verfahren bevorzugen. Das ist nicht selbstverständlich, denn lange galt die Sprunggelenksarthrodese hier als Goldstandard. Ist eine arthroskopische Therapie nicht mehr sinnvoll, werden auch immer häufiger Sprunggelenksprothesen eingesetzt. Diese galten lange als anfällig für Brüche oder Lockerungen, zeigen aber in vielen Fällen zufriedenstellende Ergebnisse.

Egal ob mit OP oder konservativ: Physiotherapie bildet den zentralen Baustein für mehr Lebensqualität mit einer Arthrose des Sprunggelenks. Trotz der oft belastenden Diagnose kann mit adäquater Therapie wieder mehr Bewegung und damit mehr Qualität ins Leben der Betroffenen einkehren.

Daniel Bombien / physio.de

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