Noch bekäme in Deutschland jeder Kranke, „was er braucht“, erklärte gestern Leonhard Hansen, zweiter Vorsitzender der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV). Bei einigen Krankheiten jedoch sei die Grenze zur Rationierung erreicht. "Therapierten wir alle Kranken, also auch diejenigen, die bislang nicht in ärztlicher Behandlung sind, bei bestimmten Erkrankungen - zum Beispiel bei koronaren Herzkrankheiten - nach anerkannten Leitlinien, dann hätten wir selbst bei vorsichtigster Berechnungsweise einen Mehrbedarf von mindestens 2,24 Milliarden Euro“. Hansen beklagt, dass Sparvorgaben und der Vorwurf, die Ärzte würden zuviel verschreiben zu einem „Spagat zwischen Kostendruck und Sicherstellung einer optimalen Versorgung für den Patienten“ zwinge. Würden alle Patienten mit einer koronaren Herzkrankheit leitliniengerecht versorgt werden müssten 864 Millionen Euro zusätzlich aufgebracht werden, für die Behandlung der Osteoporose seien es 590 Millionen und für die medikamentöse Therapie des Asthma bronchiale sei der Zusatzbedarf 123 Millionen Euro. „Die Sparzitrone Arzneimittelverordnungen ist fast ausgequetscht“, gibt der KBV-Vorsitzende zu bedenken. „Voll zu Lasten der Patienten“ würden weitere Sparbemühungen der Politik gehen. Klaus Vater, Sprecher des Bundesgesundheitsministeriums, wartete nicht lange mit seiner Gegenerklärung. Es bestünde keine Gefahr von Rationierungen oder Unterversorgung, „denn die Gesundheitsreform sorgt dafür, dass die Beitragsmittel im Gesundheitswesen effizient verwendet und dorthin gelenkt werden, wo sie auch benötigt werden“.
Eine Mutter-Kind-Kur „bringt doch gar nichts“, mit dieser und anderen fachkundigen Analysen von Krankenkassensachbearbeitern müssen sich Frauen herumschlagen, die eine Kur beantragen wollen. Manch ein Kassensekretär rät den Antragsstellerinnen, doch das Sozialgericht zu bemühen, aber „das kostet“, beruhigt der die ausgelaugten Mütter. Ideenreich ist auch der Ratschlag, bei der Bundesversicherungsanstalt für Angestellte (BFA) einen Antrag zu stellen, was mit dem kleinen Nachteil verbunden ist, dass die Rentenversicherungsträger gar keine Mutter-Kind-Kuren anbieten. Das Verhalten der Krankenkassen ist kaum nachzuvollziehen, fehlt doch jede gesetzliche Grundlage für dieses restriktive Verhalten. Zudem steigt die Zahl der Mütter mit Erschöpfungszuständen, wie Jürgen Collatz, Leiter eines Forschungsverbundes an der Medizinischen Hochschule Hannover, berichtet. Die ersten Kureinrichtungen an der Nordseeküste mussten schon schließen. Sonst wären die Häuser in den Sommerferien immer ausgelastet, erklärt die Geschäftsführerin des Deutschen Müttergenesungswerks, Anne Schilling. Die Krankenkassen wollen die Vorwürfe nicht gelten lassen. „Bei uns gibt es keine Änderung im Bewilligungsverhalten“, so die Barmer Ersatzkasse (BEK). Bei der AOK klingt das so: „Ich kann ein Absinken der Kur-Zusagen nicht feststellen.“
Vielleicht wollen die Krankenkassen auch nur die Zivilcourage der Mütter fördern. Widersprüchen gegen Ablehnungsbescheide wird meist stattgegeben. Wer sich zu diesem Schritt entschließt, hat in aller Regel in kurzer Zeit die Kurzusage auf dem Tisch.
In etwa fünf Jahren kann es passieren, dass Landbewohner in Hessen lange suchen müssen bis sie einen Hausarzt finden. Horst Rebscher-Seitz, der Vorsitzende der hessischen Kassenärztlichen Vereinigung (KV), jedenfalls befürchtet einen Mangel an Primärärzten. Überbeanspruchung der Ärzte, eine stetig wachsende Bürokratie und sinkende Einnahmen seien die Gründe für den Aderlass.
Die Reformhäuser sind die Gewinner der Gesundheitsreform. In diesem Jahr hat sich die Anzahl der Geschäfte um sechs Prozent erhöht, und die Umsätze der einzelnen Häuser steigen. 2003 waren sie noch rückläufig. Besonders Naturarzneimittel und Vitaminpräparate würden stark nachgefragt, freut sich der Chef der Vereinigung deutscher Reformhäuser, Peter Gründken. Viele Menschen mit Bagatellerkrankungen scheinen sich lieber selbst behandeln zu wollen. Sie sparen sich so die Praxisgebühr und rezeptfreie Medikamente hätten sie sowieso aus eigener Tasche bezahlen müssen.
Ulla Schmidt ist erfreut über die Fusionspläne einiger Allgemeiner Ortskrankenkassen (wir berichteten). „Wir erwarten weitere Fusionen“, erklärt sie und sieht die Zahl von jetzt noch 270 gesetzlichen Krankenkassen bereits in der Sommerhitze schmelzen.
Peter Appuhn
zuzahlung.de
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Eine Mutter-Kind-Kur „bringt doch gar nichts“, mit dieser und anderen fachkundigen Analysen von Krankenkassensachbearbeitern müssen sich Frauen herumschlagen, die eine Kur beantragen wollen. Manch ein Kassensekretär rät den Antragsstellerinnen, doch das Sozialgericht zu bemühen, aber „das kostet“, beruhigt der die ausgelaugten Mütter. Ideenreich ist auch der Ratschlag, bei der Bundesversicherungsanstalt für Angestellte (BFA) einen Antrag zu stellen, was mit dem kleinen Nachteil verbunden ist, dass die Rentenversicherungsträger gar keine Mutter-Kind-Kuren anbieten. Das Verhalten der Krankenkassen ist kaum nachzuvollziehen, fehlt doch jede gesetzliche Grundlage für dieses restriktive Verhalten. Zudem steigt die Zahl der Mütter mit Erschöpfungszuständen, wie Jürgen Collatz, Leiter eines Forschungsverbundes an der Medizinischen Hochschule Hannover, berichtet. Die ersten Kureinrichtungen an der Nordseeküste mussten schon schließen. Sonst wären die Häuser in den Sommerferien immer ausgelastet, erklärt die Geschäftsführerin des Deutschen Müttergenesungswerks, Anne Schilling. Die Krankenkassen wollen die Vorwürfe nicht gelten lassen. „Bei uns gibt es keine Änderung im Bewilligungsverhalten“, so die Barmer Ersatzkasse (BEK). Bei der AOK klingt das so: „Ich kann ein Absinken der Kur-Zusagen nicht feststellen.“
Vielleicht wollen die Krankenkassen auch nur die Zivilcourage der Mütter fördern. Widersprüchen gegen Ablehnungsbescheide wird meist stattgegeben. Wer sich zu diesem Schritt entschließt, hat in aller Regel in kurzer Zeit die Kurzusage auf dem Tisch.
In etwa fünf Jahren kann es passieren, dass Landbewohner in Hessen lange suchen müssen bis sie einen Hausarzt finden. Horst Rebscher-Seitz, der Vorsitzende der hessischen Kassenärztlichen Vereinigung (KV), jedenfalls befürchtet einen Mangel an Primärärzten. Überbeanspruchung der Ärzte, eine stetig wachsende Bürokratie und sinkende Einnahmen seien die Gründe für den Aderlass.
Die Reformhäuser sind die Gewinner der Gesundheitsreform. In diesem Jahr hat sich die Anzahl der Geschäfte um sechs Prozent erhöht, und die Umsätze der einzelnen Häuser steigen. 2003 waren sie noch rückläufig. Besonders Naturarzneimittel und Vitaminpräparate würden stark nachgefragt, freut sich der Chef der Vereinigung deutscher Reformhäuser, Peter Gründken. Viele Menschen mit Bagatellerkrankungen scheinen sich lieber selbst behandeln zu wollen. Sie sparen sich so die Praxisgebühr und rezeptfreie Medikamente hätten sie sowieso aus eigener Tasche bezahlen müssen.
Ulla Schmidt ist erfreut über die Fusionspläne einiger Allgemeiner Ortskrankenkassen (wir berichteten). „Wir erwarten weitere Fusionen“, erklärt sie und sieht die Zahl von jetzt noch 270 gesetzlichen Krankenkassen bereits in der Sommerhitze schmelzen.
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