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Die Studie
Für die Studie wurden Frauen mit einem Lipödem der Beine in den Stadien I bis III untersucht. Bevor überhaupt randomisiert wurde, erhielten alle Teilnehmerinnen bis zu sieben Monate lang eine komplexe physikalische Entstauungstherapie (KPE), bestehend aus einer Kompressionsversorgung und regelmäßiger Manueller Lymphdrainage. Erst anschließend wurden 410 Frauen im Verhältnis 2:1 entweder der Liposuktion an einem der elf Zentren oder einer fortgesetzten konservativen Behandlung zugeteilt.
In der Studie wurde vor allem die Anzahl der Frauen dokumentiert, die innerhalb des bemessenen Zeitraums eine klinisch relevante Besserung der Schmerzen erfuhren, in dem Fall eine Verringerung der durchschnittlichen Beinschmerzen um mindestens zwei Punkte (auf einer Skala von 1 bis 10).
Diese Ergebnisse fallen ungewöhnlich deutlich aus: Zwölf Monate nach Abschluss der Liposuktionsbehandlung berichteten 190 von 278 Frauen von einer relevanten Schmerzabnahme; in der KPE-Gruppe waren es lediglich 10 von 132. Anders gesagt: 68 Prozent der operierten Frauen und lediglich 8 Prozent (!) der konservativ behandelten Frauen berichteten über eine signifikante Schmerzabnahme. Auch die mittlere Schmerzintensität spricht eine deutliche Sprache: Sie sank in der Operationsgruppe von 6,2 auf 2,6 Punkte. In der konservativ behandelten Gruppe stieg sie dagegen geringfügig von 6,3 auf 6,6 Punkte.
Ähnlich deutlich waren die Unterschiede bei der Funktion der unteren Extremitäten. Eine klinisch relevante Verbesserung auf der Lower Extremity Functional Scale (LEFS) erreichten 70 Prozent nach Liposuktion, aber nur 10 Prozent unter alleiniger KPE. Auch bei Lebensqualität und depressiver Symptomatik schnitt die Operationsgruppe wesentlich besser ab. Die Unterschiede zeigten sich zudem über alle drei Lipödemstadien hinweg.
Was bedeutet das für die Versorgung?
Die eindeutigen Ergebnisse führten zu einer Genehmigung der Liposuktion bei allen Krankheitsstadien, die von den gesetzlichen Krankenkassen im Preis allerdings so weit heruntergehandelt wurde, dass fraglich ist, ob die Liposuktion in Zukunft flächendeckend eingesetzt werden kann – zumal aufwändige Diagnostikvorgaben die Genehmigung erschweren*.
Betroffene suchen den Weg zur schmerzlindernden OP wie einst Asterix den Passierschein A38. Aus Kassensicht absolut nachvollziehbar, denn jede zehnte Frau könnte unter der Schmerzerkrankung leiden, die Kosten wären kaum zu stemmen, jede vermiedene Operation würde also rar gewordenes Geld einsparen. Aber wie sinnvoll und kosteneffektiv sind die konservativen Maßnahmen inklusive der MLD, die weiterhin mindestens ein halbes Jahr vor der Operation nachgewiesen werden müssen?
Bei einem ambulanten Eingriff verdienen die ÄrztInnen rund 600 bis 770 Euro. Einschließlich Tumeszenzlokalanästhesie, Überwachung, Hygiene, Material und Nachbehandlung können sich etwa 1.200 bis 1.500 Euro je OP-Sitzung (von denen in der Regel mehrere notwendig sind) ergeben; bei einer stationären Versorgung, bei der meist mehr Fettgewebe auf einmal abgesaugt werden kann, liegt die Vergütung bei etwas weniger als 5.000 Euro (Quelle). Über ein halbes Jahr einmal wöchentlich durchgeführte MLD (45 Minuten) kostet die Kassen rund 1.400 Euro, entsprechend natürlich doppelt so viel, wenn Betroffene zwei Termine die Woche wahrnehmen. Die Kompressionsversorgung liegt pro Halbjahr noch einmal bei ca. 800 Euro. Bewegungsinterventionen seitens der Physiotherapie sind nicht vorgesehen (kosten also auch nichts).
Aus neutraler Perspektive stellt sich daher die Frage, welche Kosten-Nutzen-Rechnung dazu führte, dass die konservative Versorgung inklusive MLD weiterhin Voraussetzung für die Liposuktion sein soll, wenn auch für die konservative Therapie zwischen 2.000 und 4.000 Euro pro Halbjahr veranschlagt werden können.
Földi-Klinik zieht Konsequenzen
Ob die LIPLEG-Studie mit ausschlaggebend für die Entscheidung war, ist uns nicht bekannt, allerdings zieht die renommierte Földi-Klinik nun einen bemerkenswerten Schlussstrich unter die MLD-Versorgung von Lipödem-PatientInnen. Die Lymphologie-Klinik drängt bereits seit Längerem auf die Wichtigkeit aktiver Therapie und bezeichnet fortan das Lipödem als „Lipalgie-Syndrom“. Schmerz und Funktionsverlust stünden bei der Erkrankung im Vordergrund, ein Ödem liege nicht vor, ergo sei eine Versorgung mit Manueller Lymphdrainage hier auch nicht zielführend. Die Klinik konzentriert sich auf Kompression, Bewegung, Gewichtsmanagement und psychosoziale Therapie – eine Blaupause für die flächendeckende Versorgung?
OP weiterhin kein „Muss“
Selbstverständlich bedeuten die Ergebnisse der LIPLEG-Studie nicht, dass sich jede Frau mit einem Lipödem in Zukunft dem invasiven Verfahren unterziehen muss. Zur Wahrheit gehört auch, dass unerwünschte Ereignisse bei 47 Prozent der operierten Patientinnen gegenüber 21 Prozent in der konservativen Gruppe dokumentiert wurden. Schwerwiegende unerwünschte Ereignisse traten bei 8 beziehungsweise 3 Prozent auf.
Kritik wird auch an Verzerrungsfaktoren geübt, denn an der Studie nahmen vor allem Betroffene teil, die ohnehin operiert werden wollten. Dr. Tobias Bertsch, Facharzt an der Földi-Klinik, bemängelt unter anderem die fehlende Definition der konservativen Versorgung, etwa der Form der Kompressionsversorgung und das Fehlen psychosozialer Therapie. Die Versorgung mit MLD, angesichts des nicht-vorhandenen Ödems, bezeichnet er als „fragwürdig“.
Am Ende stehen PhysiotherapeutInnen (wie so häufig) vor einem Dilemma. PatientInnen stellen sich mit ihrer MLD-Verordnung in den Praxen vor und betonen, dass diese ein halbes Jahr lang durchgeführt werden muss, damit die Kassen die OP finanzieren. Sport und Bewegung sieht der Rahmenvertrag für dieses Heilmittel nicht vor. Also legen sich die Betroffenen auf die Bänke ohnehin schon überfüllter Therapiepraxen und erhalten Woche für Woche eine Intervention, die fast ein Drittel der Heilmittelausgaben ausmacht, obwohl ExpertInnen davon abraten. Ob das im Sinne der GKV ist?
Daniel Bombien / physio.de
PS: Anlässlich des Themas möchten wir noch auf eine bundesweite Kampagne des Vereines "Lipödem Gesellschaft" aufmerksam machen. Alle Infos dazu finden Sie hier.
*so müssen etwa zwei FachärztInnen unabhängig voneinander die Diagnose stellen. zu den Fachärzten gehören:- • FachärztInnen für Innere Medizin und Angiologie
• FachärztInnen für Physikalische und Rehabilitative Medizin
• FachärztInnen für Haut- und Geschlechtskrankheiten (Dermatologie)
• FachärztInnen mit der Zusatzweiterbildung Phlebologie
• Nicht die ChirugInnen!
LipödemLiposuktionLymphdrainageKompressionBewegungKritikStudie
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Schippi schrieb:
Wieso fällt das nur der földiklinik auf??ist es jetzt kein ödem nur weil diese „ berühmte“ Klinik das propagiert??
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Halbtitan schrieb:
Beeindruckend. Nach ein paar Jahrzenten fällt der Földi Klinik auf, dass das Lipödem gar kein Ödem ist. Mal schauen wie lange es dauert bis die merken, dass die Kokosnussmilch auf dem Frühstücksbuffet gar nicht aus einer Kuh kommt.
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susanne W. schrieb:
Vielen Dank für diesen Bericht. Als langjährige Therapeutin mache ich genau die Erfahrung: MLD ist nicht das Mittel zum Ziel. Vom Konsequenten Tragen der Kompressionsstrumpfhosen, viel Bewegung (vor allem auch Schwimmen) und Gewichtsreduktion profitieren die Betroffenen am meisten. Ich nehme inzwischen keine Lipödem-Patienten mehr an, weil ich eben gemerkt habe, dass es vergeudete Zeit ist.
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