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Semmelweis wäscht nach der Behandlung seine Hände – für die damalige Zeit revolutionär
Foto: Daniel Bombien | physio.de • Lizenz: CC-BY •Die hohe Sterblichkeit ist so beängstigend, dass sich Frauen dazu entscheiden, lieber auf der Straße zu gebären als ins Hospital zu gehen. Dazu kommt eine Schmach, über die nur hinter vorgehaltener Hand gesprochen wird: Das Krankenhaus besitzt zwei Entbindungsstationen. Eine Lehrstation, die von Medizinstudenten betreut wird und einen hauptsächlich von Hebammen geführten Kreißsaal. Die Infektionen treten wesentlich häufiger in der von Medizinstudenten geführten Abteilung auf. Warum weiß keiner, denn heute selbstverständliches Wissen über krankmachende Bakterien fehlt. Als gängige Lehrmeinung gilt die Miasma-Theorie, in der Krankheiten durch Dämpfe faulender organischer Materie, Abwasser oder Müll übertragen werden. Daher rührt auch der aus heutiger Sicht verzweifelte Versuch, die krankmachenden Gerüche mit Kräutern oder Essig zu übertünchen.
Ein revolutionärer Gedanke
Die Schritte werden langsamer, ein junger Arzt mit hoher Stirn, Schnauzbart und konzentriertem Blick betritt das Krankenzimmer. Schon wieder eine tote Patientin, so kann es nicht weitergehen. Doktor Ignaz Semmelweis, ein 1818 in Ungarn geborener Chirurg und Geburtshelfer, entschließt sich fortan das Phänomen systematisch zu untersuchen. Wie sind die Räume in den Stationen aufgeteilt, wie ist die Belüftungssituation? Existieren außergewöhnliche religiöse Rituale auf den Stationen mit geringerer Sterblichkeit?
Durchbrüche bleiben aus, bis im Jahr 1847 Semmelweis‘ Kollege Jakob Kolletschka an einer schweren Infektion verstirbt. Der Pathologe hatte sich zuvor mit einem Skalpell geschnitten, mit dem er vorher eine Leiche sezierte. Im Obduktionsbericht liest Semmelweis von Entzündungen mehrerer Organe – ähnlich wie es bei den Frauen auf der Geburtenstation der Fall ist. Auf einmal wird die Sache klar: Nicht etwa krankmachende Dämpfe, sondern „kadaveröse Partikel“ verursachen die Entzündungen und ausgerechnet die Medizinstudenten verteilen diese fleißig an die gebärenden Frauen. Bevor die Lehrlinge mittags auf die Stationen wechseln, präparieren sie Leichen und tragen danach die Partikel auf ihren Händen zu den vulnerablen Patientinnen.
Semmelweis führt ein Experiment durch. Die Medizinstudenten sollen ihre Hände nach den Sektionen in chlorhaltiger Lösung waschen. Zufällig wählt er hier tatsächlich eine desinfizierende Lösung – eigentlich wählt er die Lösung nur, weil sie besonders gut Fäulnisgerüche übertüncht. Binnen kürzester Zeit sinkt die Sterblichkeit auf der Geburtenstation von zweistelligen Prozentzahlen auf ungefähr zwei Prozent. Nachdem er erkennt, dass die Partikel offensichtlich nicht nur von Leichen, sondern auch von anderen Patientinnen übertragen werden können, empfiehlt er die Desinfektion vor jedem Patientenkontakt, sowie die Reinigung von Verbandsmaterial. Nun sinken die Infektionsraten sogar auf unter zwei Prozent und sind damit kleiner als die auf der Hebammenstation – eine Sensation sollte man denken. Aber Semmelweis‘ Kollegen sind anderer Meinung.
Majestätsbeleidigung
Wer bestehende Systeme kritisiert (und sei es auch aus guten Gründen), erfährt Widerstand. Semmelweis‘ Kollegen sind alles andere als begeistert von seinen Erkenntnissen. Eine Theorie über unsichtbare Partikel, hält die Ärzteschaft für unsinnig. Die Miasma-Theorie gilt Mitte des 19. Jahrhunderts in der westlichen Welt als anerkannt; Kritik gleicht Ketzerei. Zumal die Theorie das Vertrauen in die Ärzteschaft unterminieren könnte, denn wenn Semmelweis‘ Theorien stimmen sollten, würde das bedeuten, dass ausgerechnet angehende Ärzte die todbringenden Partikel auf die jungen Mütter übertragen.
So erntet Semmelweis anstelle von Anerkennung vor allem Spott und Hohn, was darin gipfelt, dass der ärztliche Direktor Johann Klein seinen Vertrag 1849 nicht verlängert. Semmelweis kehrt zurück in seine ungarische Heimat, in der er ab 1851 am St-Rókus-Krankenhaus in Pest (heute ein Teil von Budapest) arbeiten kann. Dort führt er ebenfalls erfolgreich seine bereits erforschten Hygienemaßnahmen ein.
Zermürbende Zeiten
Wer hohe Ideale besitzt, sich tagtäglich dafür einsetzt, das Richtige zu tun, aber vom System dafür regelmäßig schikaniert wird, stumpft entweder ab oder wird irgendwann zynisch – ein Phänomen, das noch heute in allen Zünften des Gesundheitswesens wiederzufinden ist.
Vor Semmelweis Augen sterben Menschen weiterhin an unnötigen Infektionen, während die Lösung, die er in der Hand hält, verspottet wird. Der Ungar erhält nach und nach den Ruf eines Quälgeists, der nicht in der Lage sei, diplomatisch zu kommunizieren. In seinen offenen Briefen bahnt sich die Frustration ihren Weg. So schreibt er 1861 an den Würzburger Lehrstuhlinhaber für Gynäkologie Scanzoni von Lichtenfels:
„Sollten Sie aber, Herr Hofrat, ohne meine Lehre widerlegt zu haben, fortfahren, Ihre Schüler und Schülerinnen in der Lehre des epidemischen Kindbettfiebers zu erziehen, so erkläre ich Sie vor Gott und der Welt für einen Mörder.“
So sehr Semmelweis auch für das Thema brennt, er kann die Entscheidungsträger von der Sinnhaftigkeit der Desinfektion nicht überzeugen. Am Ende brennt er aus. 1865 wird er aufgrund einer schweren Depression in die „Landesirrenanstalt“ Döbling bei Wien eingeliefert. Bis heute ranken sich Gerüchte darum, ob diese Maßnahme auch von seinen Kollegen veranlasst wurde, die einen unliebsamen Gegner ruhigstellen wollten. Zwei Wochen nach der Einweisung stirbt der Arzt unter bis heute nicht abschließend geklärten Umständen. Dem offiziellen Obduktionsbericht zufolge erlitt ausgerechnet der Desinfektions-Pionier eine Schnittverletzung, die sich zu einer Sepsis entwickelte. Semmelweis soll sie sich selbst vorher mit einem Skalpell zugefügt haben. 1963 werden an seiner exhumierten Leiche multiple Frakturen an Händen, Armen und am linken Brustkorb festgestellt. Sein Biograf Georg Silló Seidl vermutet, dass Gewalt des Pflegepersonals Schuld an seiner Verletzung und der daraus resultierenden Sepsis war.
Nachwirken
Den Einzug von Hygienemaßnahmen in den Krankenhausalltag erlebt der Pionier nicht mehr. Zwei Jahre nach seinem Tod veröffentlicht der Brite Joseph Lister im Lancet seine Abhandlung über die Desinfektion von Wundverbänden. Inspiriert wurde er unter anderem von den Arbeiten Louis Pasteurs, der bei seiner Forschung über den Prozess der Gärung feststellte, dass die stinkenden Fäulnisgase das Stoffwechselprodukt von Mikroorganismen sind.
Erst 1877 etablierte der Würzburger Chirurg Wenzell von Linhart das „Listern“ in seinem Klinikum.
Heute steht der Semmelweis-Reflex für die spontan entstehende Abwehrhaltung des Establishments auf neue, den bisherigen Annahmen widersprechende Erkenntnisse. Beispiele hierfür kennt vermutlich jeder, denn das Abstreiten von wissenschaftlichen Erkenntnissen gehört 160 Jahre nach dem Tod von Ignaz Semmelweis mehr denn je zum Zeitgeist.
Daniel Bombien / physio.de
EntdeckerHygieneInfektionKritik
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pt ani schrieb:
Ach, Menschen.. Manchmal könnte man verzweifeln.
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springlukas schrieb:
Heute: postfaktisches Zeitalter. Damals: präfaktisches Zeitalter. Gab es eigentlich ein faktisches Zeitalter?
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Schippi schrieb:
Sorry,aber was hat Semmelweis mit Bewegung zu tun gehabt,er war doch auf Hygiene aus,oder habe ich was überlesen???
Im übertragenen Sinne; wir versuchen neue Erkenntnisse anzuwenden (Bewegung ist besser als Massage) und keiner glaubt's.
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pt ani schrieb:
@Schippi
Im übertragenen Sinne; wir versuchen neue Erkenntnisse anzuwenden (Bewegung ist besser als Massage) und keiner glaubt's.
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Schippi schrieb:
@pt ani oh sorry,die Hitze🤪,so übertragen kann ich heute nicht denken🤪
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pt ani schrieb:
@Schippi Verständlich
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Abrie schrieb:
@pt ani Alles hat seinen Platz, Massage und auch Bewegung
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pt ani schrieb:
@Abrie Was möchtest Du mir damit sagen; ich verstehe den Zusammenhang nicht..?
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massu schrieb:
Also sind wir Physios kleine Semmelweise, wenn wir den Patienten die geliebte Massage bei chronischen Rücken verwehren und stattdessen Bewegung verordnen.
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